Mundatmung ist erlaubt, aber nicht immer

von | Jun 26, 2023 | Archiv, Grundlagen, Wirkung, Wissenswertes | 0 Kommentare

Es gibt Momente, da schaltet der Körper automatisch auf Mundatmung um. Vor allem Sportler kennen diesen Reflex. In bestimmten Situationen ist Mundatmung erlaubt, aber nicht im Alltag.

Beim Atmen durch den Mund, wird hauptsächlich die Brustatmung aktiviert. Öffnet sich der Brustkorb, kann mit einem Atemzug zwar mehr Luft aufgenommen werden, doch das größere Atemzugvolumen hat keine positive Auswirkung auf den Körper und keine Vorteile für den Organismus. Oder anders gesagt: Mehr Sauerstoff in den Lungen hat keinerlei Wirkung auf den Gesundheits- und Fitnesszustand.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, für was wir dann die Mundatmung brauchen. Eine Antwort lautet: Für so schöne Dinge wie etwa das Lachen. Aber auch beim Sprechen sowie beim Essen und Trinken kann es zeitweise leichter sein, vorübergehend über den Mund Luft zu holen. Doch aufgepasst: Atmet man im falschen Moment durch den Mund, kann es womöglich zu einer Aspiration kommen, bei der zum Beispiel Essensreste in die Luftröhre geraten. Das geschieht zwar nur selten, löst aber in dem Moment Atemnot und einen äußerst unangenehmen Hustenreiz aus, bis der Zugang zur Luftröhre wieder frei ist.

Einen anderen Grund für die Mundatmung liegt in der Evolution. Wir finden ihn bei unseren frühen Vorfahren. Sie wechselten in gefährlichen Situationen von der Nasenatmung zur Mundatmung.

Mundatmung ist ein uralter Reflex

Das Stressmuster von damals lebt noch immer in unseren Genen weiter, auch wenn wir heute ganz andere Lebensumstände haben als die Steinzeitmenschen. Die Entwicklungszeit des Menschen von damals bis heute war jedoch evolutionstechnisch gesehen viel zu kurz, um diesen Reflex an die jetzigen Bedürfnisse anzupassen. Denn heutzutage geht es eher selten um Leben und Tod als noch zu Zeiten der steinzeitlichen Jäger und Sammler. Die ersten Menschen lebten zwar in enger Verbindung mit der Natur, waren ihr aber gleichzeitig auch relativ schutzlos ausgeliefert – ob es um Wind und Wetter ging oder um wilde Tiere. Was damals zum Alltag gehörte, sind jetzt jedoch Ausnahmesituationen, die wir nur noch in Einzelfällen erleben.

Anstrengung beeinflusst die Atmung

Die körperliche Leistungsfähigkeit wird heutzutage eher für geistige und emotionale Anstrengungen benötigt, dennoch reagiert unser Organismus immer noch nach dem (Stress-)Muster von einst. Wenn eine Belastungssituation eintritt, ist das für den Körper daher bis heute das Signal, in den schützenden Kampf- oder Fluchtmodus umzuschalten. Die Atemfrequenz erhöht sich – und die Nasenatmung wird von der Mundatmung abgelöst.

Sie können an Ihrer Herzfrequenz leicht erkennen, wie fordernd die Mundatmung dann ist: Atmen Sie einfach ein paar Mal mit tiefen Atemzügen durch den Mund – innerhalb von ein paar Sekunden wird Ihr Herz schneller schlagen. Sobald Sie jedoch anschließend sanft und entspannt durch die Nase atmen, verlangsamt sich Ihr Herzschlag wieder.

Diese Erfahrung erinnert Sie an etwas? Dann sind sie vermutlich sportlich aktiv. Gerade im Leistungssport gibt es Momente, in denen die kurzfristige und vorübergehende Aufnahme größerer Luftmengen sinnvoll ist. Bei Spitzenbelastungen wie zum Beispiel dem Sprinten – eine Aktivität, die den Fluchtsituationen der Steinzeitmenschen sehr nahe kommt – fällt das Atmen durch den Mund leichter. Sobald die Spitzenbelastung vorüber ist, sollte jedoch wieder durch die Nase geatmet werden.

Nasenatmung in der Regel besser

Im Alltag und unter normalen Bedingungen gibt es hingegen keinen Grund, überwiegend durch den Mund zu atmen. Mehr Sauerstoff einzuatmen verbessert, wie bereits eingangs erwähnt, die Versorgung des Organismus nicht. Ein Überangebot aus der Atemluft beschert kein „Mehr“ an Energie oder Leistungsfähigkeit. Es kann sogar das Gegenteil bewirken, egal, ob man Profi- oder Freizeitsportler ist:

Bei falscher Atemtechnik werden Lunge, Herz und Muskeln nämlich bereits bei verhältnismäßig geringer Belastung nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Es entstehen jedoch in gesteigertem Maße als Nebenprodukt Salze der Milchsäure, ein Stoffwechselzwischenprodukt, das die meisten unter dem Begriff Laktat kennen. Diese Übersäuerung wiederum lässt die Muskeln schneller ermüden. Ein Effekt, der bei der Nasenatmung nicht eintritt.

Buchtipp: Was eine richtige Atemweise bewirkt und wie die Umstellung von Mund- auf Nasenatmung gelingt, erfahren Sie in meinem Buch „10 Atemzüge und nie wieder müde“ (14,99 Euro, Gräfe und Unzer Verlag)

Das könnte Sie auch interessieren:

Was sagt der HTi-Wert aus?


0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Kohlendioxid ist wichtiger als gedacht

Bei vielen Menschen könnten die Mitochondrien mehr Energie produzieren - wenn die Atemweise angepasst würde. Häufig liegt ein Energiemangel nicht an zu wenig Sauerstoff im Blut, sondern an zu wenig Kohlendioxid. Jeder möchte mehr Energie haben. Die Mitochondrien haben...

IHT bei Heuschnupfen

Bei Heuschnupfen wird in den meisten Fällen lediglich eine symptomatische Behandlung durchgeführt. Ein Intervall-Hypoxie-Training (IHT) kann als ganzheitliche Methode zur Vorbeugung und Linderung der Symptome empfohlen werden. Die ersten Anzeichen des Frühlings wecken...

Kinder und IHT

Für Kinder ist ein Intervall-Hypoxie-Training (IHT) ebenso möglich wie für Erwachsene. Bei vielen Krankheiten, wie z. B. chronische Erschöpfung, hilft ein IHT auch Kindern. Wissenschaftliche Studien zum IHT mit Kindern gibt es allerdings nur bei der Behandlung von...

Arginin und IHT

Die Gabe von Arginin und ein Intervall-Hypoxie-Training (IHT) wirken günstig auf den Aufbau und die Regeneration von Muskeln. Eine Studie bietet Fakten, wie Sportler und Patienten mit Gefäßkrankheiten von der Kombination Arginin und IHT profitieren können. Es gibt...

Weniger ist mehr – auch beim Atmen

Yogis, buddhistische Mönche und chinesische Meister sind Vorbilder für eine perfekte Atemweise. Ihre Atmung ist mühelos, sanft und rhythmisch. Mit einfachen Mitteln ist das trainierbar. Das Motto „Weniger ist mehr“ trifft aufs Fasten wie auf die Atmung zu. Allerdings...

  • Vielen Dank für Ihre Komplimente.
    IHT bei Heuschnupfen
    09.02.2024
  • Sehr geehrter Dr. Egorov! Ich beschäftige mich mit der Atemgymnastik/ Hypoxie seit vielen Jahren. Habe vieles in russisch und deutsch…
    IHT bei Heuschnupfen
    06.02.2024
  • Vielen Dank für Ihre lobenden Worte. Sie motivieren mich, weitere Blogbeiträge zu schreiben.
    Arginin und IHT
    22.12.2023
  • Großartig. Wichtig. Spannend. Bitte mehr davon. > Mich interessiert grundsätzlich die Supplementierung durch/mit Aminosäuren-NEM. ich nehme zB täglich “Amino Aktivator”…
    Arginin und IHT
    04.12.2023
  • Sehr geehrte Leserin, vielen Dank für Ihre Nachfrage. Das Praxisbuch können Sie in einer Buchhandlung oder bei amazon mit folgender…
    Ist die Korrelation von Puls- und SpO2-Kurve beim IHT wichtig?
    22.09.2023


Neuste Blogbeiträge
IHT bei Heuschnupfen

IHT bei Heuschnupfen

Bei Heuschnupfen wird in den meisten Fällen lediglich eine symptomatische Behandlung durchgeführt. Ein Intervall-Hypoxie-Training (IHT) kann als ganzheitliche Methode zur Vorbeugung und Linderung...

mehr lesen
Kinder und IHT

Kinder und IHT

Für Kinder ist ein Intervall-Hypoxie-Training (IHT) ebenso möglich wie für Erwachsene. Bei vielen Krankheiten, wie z. B. chronische Erschöpfung, hilft ein IHT auch Kindern. Wissenschaftliche Studien...

mehr lesen